Von Automatischen Autos ohne Fahrer bis Plattformkapitalismus

funk taxi berlin Intern

Wohin steuert die Personenbeförderung des 21. Jahrhunderts? Wie beeinflussen Internet und Smartphones die Kommunikation zwischen Fahrgästen und Personenbeförderern, wie die technische Entwicklung im Fahrzeugbau das Berufsbild des Personenbeförderers?

Diese Fragen standen im Mittelpunkt des Tages der Verkehrswirtschaft in der Berliner IHK, der im Juni gemeinsam mit Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie im Ludwig-Erhard-Haus ausgerichtet wurde. Funk Taxi Berlin war bei der Veranstaltung dabei.

Gut besucht war die Veranstaltung im Konferenzraum der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK), die unter dem Motto „Digitalisierung im Verkehr – Chancen in Berlin“ stattfand. Die Überschrift deutet bereits mögliche Auswirkungen auf das Taxigewerbe an.

Nach Begrüßung durch Melanie Bähr (IHK) und Thomas Meißner von Berlin Partner erläuterte Dr. Sigrid Nikutta, Chefin der BVG, den Stand der Dinge in Sachen Digitalisierung in ihrem Unternehmen. Interessant unter anderem, dass die „Oberflächenzentrale“ künftig in alle Busse hineinsehen und -hören und mit den FahrerInnen und auch den Fahrgästen (!) direkt kommunizieren kann. Die Begründung: Sicherheitsaspekte und Service (Verkehrsstaus, Umleitungen, technische Probleme usw.). Es solle u.a. Ansagen geben, wenn etwa Staatsgäste den Verkehr lahm legen, vor allem aber gehe es um Sicherheit. Ein Polizist sei hierzu ständiger Gast in der BVG- Leitstelle Oberfläche und sieht, was in den Bussen geschieht und ggf. zu tun ist.

Datenschutzaspekte wurden übrigens hierbei NICHT thematisiert….

Automatisiertes Fahren kommt weder morgen noch übermorgen, aber es kommt…!

Der ehemalige Mercedes- Entwickler (Bereich Hybride) Karsten Löwenberg hatte zum Automatisierten Fahren referiert, meinte es werde in jedem Fall kommen, aber es werde noch „viele Jahre“ dauern, bis eine Integration in Rechtsprechung und Alltagsverkehr geschieht. Spannende ethische Frage dabei: Automatisches Auto erkennt Hindernis und kann Unfall nicht vermeiden. Entweder wird Radfahrer ohne Helm überfahren (Exitus sehr wahrscheinlich) oder Radfahrer mit Helm. Wie entscheidet sich das System….? Auswirkungen auf die Rechtsprechung….?!?!? Ergo: Bis in Deutschland automatische Fahrzeuge die Teststrecke verlassen oder in die StVO aufgenommen werden, OHNE dass ein Beifahrer das Fahrzeug immer noch überwacht, wird noch viel Zeit vergehen….

Prof Michael Ortgiese von der FH Potsdam hatte über Telematik referiert. Nicht uninteressant, aber seeeeehr technisch und unter erheblichem Zeitdruck, weil die vorhergehenden Rednerinnen ihr Zeitbudget leicht überzogen. Er sprach vor allem über bauliche und verwaltungsrechtliche Hürden bei der Einführung von Telematik in den Alltagsverkehr mit offenen Schnittstellen….(er erwähnte freundlicherweise auch das Taxi….)

Dr. Christian Schwingenschlögl von Siemens sprach über Digitalisierung des Verkehrsmanagements in Smart Cities, seine Folien waren durchgehend in Englisch, seine Sprache zu 50% oberbayerisch, die andere Hälfte Anglismen. ganz der Corporate Identity von Siemens entsprechend….. Spannendes Thema, weil (leider!!!) nicht aufzuhalten, aber trockener Vortrag und deutlich verspätet. Unruhe im gut gefüllten IHK- Konferenzraum (ca. 100 bis 130 Leute etwa), weil es viele Anwesende nach über zweieinhalb Stunden des konzentrierten Zuhörens zu Kaffee und Kuchen im Foyer zog.

Fahrgastvermittlung via App: Robert Henrich spricht von ‚Plattformkapitalismus“

Nach der Kaffeepause dann der Vortrag von Robert Henrich (Moovel). Neben allem Unwohlsein bei dem, was hinter ihm steht, ist der Ansatz einer App, in der alles und an jedem Ort geboten wird, wohl der erfolgversprechendste, aber eben auch beängstigend. Moovel solle es schon bald überall auf der Welt geben, in Amerika heißt die Daimler- Tochterunternehmung übrigens anders. China sei im Fokus von Moovel, weil es der größte Markt auf der Welt sei. Versuche in „mittleren Städten und Ballungsräumen mit bis zu 30 Mio Einwohnern“ (Robert Henrich) laufen bereits im Land der Mitte….

Henrich führte aber auch aus, dass die Wirtschaftlichkeit auf hoher urbaner Dichte beruht und es bereits in den Berliner Außenbezirken Abdeckungs- und Angebotsprobleme gebe, weil es sich nicht rechne (aha!!!). Moovel steuere in Berlin aktuell rund 1.200 PKW im Carsharing- Segment, dazu der „bundesweite Marktführer“ myTaxi als Verknüpfung zu unserem Gewerbe.

In Planung sei zudem, myTaxi und Moovel als Apps auf der Apple- Watch zu realisieren. Auch das ist wohl nicht aufzuhalten.

Moovel/ Daimler entwickele im Übrigen derzeit eine eigene Kartengrundlage („Moovel Maps“) um unabhängig von Google zu werden. Ratet mal warum? O- Ton Henrich: „Damit Google unsere Daten nicht bekommt und selbst nutzen kann“. AHA!!!!

Spannend: Sein Unternehmen gebe jedem Mitarbeiter anstatt eines Firmen- PKW ein Konto bei Moovel (beginnt bei 100 Euro auch für MA auf der unteren Ebene….)

Bemerkenswert selbstkritisch äußerte Moovel- Mann Robert Henrich: „Die Sharing Economy hat zu einem Plattformkapitalismus geführt.“ Der Applaus nach dieser Bemerkung wirkte verhalten…