22. August 2016

Kolumne


Seriös. Zuverlässig. WBT.


Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

jetzt haben wir es schwarz auf weiß. Das Berliner Taxigewerbe befindet sich in einer „beispiellosen Schieflage“, bei der sich der ehrlich arbeitende Taxiunternehmer auch mit Bergsteigerausrüstung nur schwer am Markt halten kann. Die renommierten Gutachter „Linne & Krause“ führen auf insgesamt 115 Seiten aus, dass drei Viertel der Unternehmen unwirtschaftliche Umsätze deklarieren. Immer wieder werfen alte und neu geschaffene Betriebe zusätzliche Taxis auf den Markt, die sie über Aufstock- und nicht erlaubte Verpachtungsmodelle illegal profitabel werden lassen. Durch den entstehenden Wettbewerbsdruck sind auch die anständigen Betriebe nicht mehr in der Lage, ohne Weiteres einen Mindestlohn zu zahlen. Also müssen die Arbeitszeiten rundgeschliffen werden. Wie lange geht das gut?

Politik und Behörden sind diese Missstände alles andere als unbekannt. Sparkommissar Ulrich Nußbaum (Berliner Finanzsenator 2009 – 2014) hat wie sein Amtsvorgänger Thilo Sarrazin nachhaltig dafür gesorgt, dass das LABO im Bereich Taxi-Aufsichtsbehörde inneffizient werden musste. Inwieweit die Behörde personell und fachlich wieder in die Lage versetzt wird, das Berliner Taxigewerbe im Sinne der ehrlichen Unternehmerinnen und Unternehmer wenigstens halbwegs aus dem Schlamassel herauszuholen, bleibt abzuwarten. Das Fiskaltaxameter ist sicherlich geeignet, rabenschwarze Unternehmen noch schneller zu enttarnen.

Mit Blick auf das verheerende Gutachten werden die Wahlen zum Abgeordnetenhaus von Berlin (18.09.2016) noch ein Stück interessanter. Unser Chefredakteur hat 5 Parteien zu taxirelevanten Themen befragt, damit Sie sich selbst ein Bild machen können, was im Wahlprogramm zum Thema „Taxi“ zu finden ist. Ich habe -ehrlich gesagt- selten so viele Phrasen auf einem Haufen gesehen.

Die Berliner Taxilandschaft hat sich verändert in den letzten Jahren. Die Anzahl der etablierten Taxizentralen hat sich auf 2 reduziert. Hinzugekommen sind reine Online-Vermittlungsplattformen ohne Callcenter-Betrieb, die überregional tätig sind. Sie treten verbraucherfreundlich, zukunftsorientiert und niedlich auf, um einen Geschäftsbetrieb aufzubauen, der Risikokapital in schwindelerregenden Mengen anzieht. Uber befindet sich über Wandelanleihen im Wert von 1,6 Milliarden Dollar, die über Goldman Sachs Anfang 2015 platziert wurden, bereits mit einem Fuß im offiziellen Finanzspielcasino, also an der Börse. Automobilhersteller kaufen sich in letzter Zeit fast hektisch in Mobilitätsplattformen ein. Da auch für Laien leicht erkennbar ist, dass zukünftige Provisionen für vermittelte Aufträge die Gesamtinvestitionen aller Kapitalgeber nicht einmal ansatzweise wieder hereinbringen, frage ich mich, wer da zu lange die eigenen Abgase eingeatmet hat, ob auf dem Prüfstand oder nicht.

Alle diese Plattformen sind auf die Arbeit angewiesen, die Sie tagtäglich am Kunden auf der Straße verrichten, so wie wir als herkömmliche Taxizentrale auch. Während die WBT es als gewerbeeigene Taxigenossenschaft immer so verstanden hat, dass Kolleginnen, Kollegen und Zentrale gemeinsam auf Augenhöhe am Markt anbieten, sind Sie für Plattformen reines Mittel zum Zweck, auch wenn in der Regel leise Töne angeschlagen werden. Die Ausnahme: Uber-Gründer Travis Kalanick äußerte sich eindeutig: „There is an asshole named taxi“. Inzwischen lässt er Andere sprechen.

Funk Taxi Berlin ist mehr als eine Plattform

 
Plattformen setzen auf Bewertungen der Verbraucher, die über Alles gestellt werden. Das hört sich erst einmal gut an und ist es am Ende auch. Solange man Verbraucher ist. Wenn Sie als Dienstleister eine Negativbewertung erhalten, die vielleicht nicht einmal berechtigt war, sondern nur erfolgte, weil dem Fahrgast Ihre Nase nicht gefiel, schaut das schon anders aus. Bewertungen sind hilfreich und richtig, wenn 2 Aspekte künftig mehr Berücksichtigung finden. Zum Einen muss sich der Bewertete gegen Fake-Bewertungen besser zur Wehr setzen können, zum Anderen -und das ist noch wesentlich wichtiger- muss eine Dienstleistung auch wertgeschätzt werden. Das kann sich in Anerkennung, aber eben auch in Euro und Cent ausdrücken. Deutschland befindet sich seit einigen Jahren auf dem Weg hin zu einer Gesellschaft, in der etliche Millionen Dienstleister für wenig Geld und Aufmerksamkeit dafür sorgen, dass es Deutschland gut geht.

Zur Einkommenssituation und zur Ertragslage des Berliner Taxigewerbes im Mindestlohnzeitalter hört man von den hiesigen Gewerbevertretern leider zu wenig. Mir sind nur wenige Stellungnahmen bekannt, in denen Zusammenhänge von Angebot und Nachfrage sowie Auslastung und Wirtschaftlichkeit überhaupt thematisiert, geschweige denn analysiert werden. Apropos Gewerbevertretungen. Während es nur noch 2 alteingesessene Taxizentralen gibt, hat sich die Anzahl der Gewerbevertretungen im Laufe der letzten Jahre von 2 auf 6 verdreifacht. Alle zusammengerechnet haben inzwischen nur noch halb so viele Mitglieder. Eine Entwicklung, die ich ganz ausdrücklich bedauere! Die WBT hat sich immer gewerbepolitisch engagiert und wird dies auch die nächsten Jahre tun, ob es einigen derzeit aktiven Gewerbevertretern gefällt oder nicht. Allen Gewerbevertretungen gemein ist eine schwierige wirtschaftliche Situation, die unausbleiblich wird, wenn die Organisationen mehr, die Mitglieder aber weniger werden. Das führt leider dazu, dass sämtliche Vorstände der Vereine mehr oder weniger ehrenamtlich arbeiten müssen, was schwierig wird, wenn man für die Vereinsarbeit das eigene Taxiunternehmen schleifen lassen muss. Eigentlich ein unhaltbarer Zustand, gerade in der Hauptstadt Berlin.

Das Auftreten einzelner Gewerbevertreter hat sich in letzter Zeit sichtlich verändert. Sicher ist es schwierig, bei angespannter Vereinslage eine völlige Unabhängigkeit zu bewahren. Ich möchte einzelne Verhaltensweisen weder bewerten noch verurteilen. Es ist für die WBT und für mich seit 5 Jahren zunehmend schwieriger geworden, an Gesprächsrunden teilzunehmen, bei denen ein gemeinsames Vorgehen verabredet wurde, etwa zu Weiterbildung und Qualitätsmanagement, woran sich die Gesprächsteilnehmer dann aber nur kurze Zeit später nicht mehr erinnern konnten oder wollten. Vielleicht kommt eine Zeit, in der das wieder möglich sein wird. Ich würde es sehr begrüßen.

26 10 26 – Von Taxiunternehmern für Taxiunternehmen

 
Wir leben in einer Zeit, in der Informationen eine immer größere Bedeutung bekommen. Sie sollen schnell erfolgen, andererseits aber auch gut recherchiert und keimfrei sein. Aus diesen Gründen haben wir uns entschlossen, Ihnen neben unseren anderen Informationsquellen (Webseite, Facebook, Twitter, Newsletter, Aushänge und Rundschreiben) eine eigene Fachzeitschrift zur Verfügung zu stellen, in der Sie alles rund um die WBT, um Gewerbepolitik und Wirtschaft, regional, aber auch national und international, soweit das Gewerbe hier in Berlin davon betroffen ist, nachlesen können. Wir wollten nicht in einem Umfeld bestehender Taxizeitungen veröffentlichen, bei denen man nicht sicher sein kann, ob ein Verfasser eines Beitrags auch tatsächlich seine eigenen Erkenntnisse, die sie / er durch Recherche erlangt hat, wiedergibt. Oder ob andere Überlegungen eine Rolle gespielt haben.

Viele von Ihnen werden sich an die „Taxi-Vorfahrt“ erinnern, die „Innung“ und „TVB“ gemeinsam herausgebracht haben. Wir haben in der „Vorfahrt“ immer gerne veröffentlicht, weil sie unabhängig und gut gemacht war. Insofern freut es uns besonders, dass der Chefredakteur der „Vorfahrt“, Jochen Liedtke, nun auch die Redaktion der 26 10 26 übernommen hat. Erscheinen werden wir 4- bis 8-mal im Jahr.

Wir freuen uns auf Ihre Kritik, Ihren Zuspruch und Ihre Anregungen aller Art. Gerne wollen wir für Sie und mit Ihnen eine unabhängige Fachzeitschrift anbieten, die seriös und informativ über das Berliner Taxigewerbe berichtet.

Wir lesen uns.

Bernd Ploke

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